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04.09.2014 Karriereplanung

Berufswahl: 7 Mythen und 3 Tipps. Teil 2: Bei der Berufswahl kann man sich Zeit lassen

Wie viel Zeit haben Absolventen eines Gymnasiums heute, um sich einen Beruf heraus zu suchen und ihr Studium zu beginnen? Früher war klar, dass man das sobald wie möglich erledigt. Aber sind diese ernsten Zeiten nicht vorbei?

Wie die Industrie Bewerber siebt

Landläufig wird behauptet, Unternehmen wollten 25-jährige Absolventen mit Spitzennoten, Auslandsaufenthalten und mehrjähriger Berufserfahrung. Klar, das ist überzeichnet. Aber was ist dran, an diesem Spruch?

In Karriere-Seminaren bilde ich zuweilen Kleingruppen, statte sie mit Lebensläufen / Kurzprofilen aus und lasse sie Personalabteilung spielen. Die ersten zwei Kandidaten auf eine Absolventen-Stelle: „Kurt Karriere“ hat sehr gute Noten und eine Promotion vorzuweisen. „Ludwig Lahm“ hat dasselbe Studium abgeschlossen, aber eine Note schlechter. Außerdem hat er nicht promoviert. Die zwei Jahre, die Kurt Karriere dafür benötigte, verbrachte Ludwig Lahm teils bei einer privaten USA-Reise nach dem Abitur, den anderen Teil verbrauchte er für ein längeres Studium.

Wenn ich im Seminar für die Bevorzugung von Kurt Karriere plädiere, wehrt sich die Gruppe manchmal. Sie spricht sich für Ludwig Lahm aus: Es könne doch sein, dass dieser Bewerber sympathischer wäre. Ja: Könnte, wäre, wenn …. – kann schon sein. Aber dieser Unterschied in den Sympathie-Werten müsste gravierend ausfallen; denn im Grunde zwingen uns die klaren harten Fakten der beiden gleichaltrigen Bewerber dazu, Dr. Kurt Karriere den Zuschlag zu geben.

Genau so laufen Entscheidungen in der Industrie ab: Einser-Kandidaten mit kurzer Studienzeit und Promotion werden eher trödeligen Bewerbern vorgezogen. Was sonst! Wird sich das in der Zukunft ändern? Solange es genug Bewerber gibt nicht! Ein Grund: Selbst wenn Kurt Karriere in der Praxis scheiterte – niemand wird der Personalabteilung einen Vorwurf machen, ihn eingestellt zu haben. Ganz anders bei Ludwig Lahm: „Wieso haben Sie nicht Dr. Karriere eingestellt?!!“, wird es heißen. Fazit: Es gibt keine guten Argumente für Herrn Lahm. Sein Lebenslauf zwingt ihn – bereits als Absolvent! – in die zweite Reihe.

Muss man der Industrie deshalb Vorwürfe machen? Nein. Denn wir wollen europäische Spitzenprodukte sehen und kaufen. Wenn dies nicht gewährleistet ist, sind alle industriellen Arbeitsplätze hierzulande bedroht. Aber ist Ludwig Lahm vielleicht ein reiferer Mensch? Mag sein. Aber das wissen wir nicht. Auf dem Papier ist er mit Abstand schlechter als Dr. Kurt Karriere.

Fehlentscheidungen bei der Berufswahl

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    Ein schnelles Studium und gute Noten machen sich also bemerkbar. Aber können sich Menschen nicht auch zu schnell – und dann für das falsche – Studium entscheiden? Natürlich können sie das! Und wenn einer voller Zeit-Panik mit wirrem Kopf ins falsche Studium stolpert, ist das tatsächlich ein Problem.

    Auf der einen Seite gilt also, wie eben gesehen: Zeitverzug entscheidet Karrieren! Und zwar erschreckend früh! Zeit ist immer und für jeden endlich. Wer ein sehr gutes Examen in kurzer Zeit erreicht, schafft sehr gute Voraussetzungen. Wer nur mittlere Noten in längerer Zeit erlangt, holt die Verzögerung tendentiell nicht mehr ein. Konzerne stellen beispielsweise selten Bewerber ein, die erst nach ein paar Jahren aufwachen. Sie haben schließlich genug eigene Spitzenleute als Absolventen angeworben. Wenn einer dieser formellen Spitzen-Leute sich als Papiertiger erweist, gibt es noch andere.

    Nun kommen wir zur falschen Studienwahl, sie lässt sich nicht wegdiskutieren (Zahlen und Argumente zu diesem Thema gibt es hier). Wenn Kunden zu mir kommen, weil sie das falsche Studium gewählt und dann abgebrochen haben, ist bereits etwas gründlich schief gelaufen. Nicht jeder will Konzern-Chef werden oder auch nur Abteilungsleiter. Aber eine übereilte Studienentscheidung rächt sich nicht nur als Hindernis für Top-Positionen. Sie ist in der Regel auch unerfreulich verbrachte Zeit. Also: Doch besser länger warten?

    Arbeit – wo keine Entscheidung möglich ist

    Gerade die heutigen G8-Abiturienten sind noch sehr jung und hatten während der Schule weniger Zeit, sich über ihre Zukunft Gedanken zu machen. Daher sind viele einfach noch nicht so weit, sich für ein Studium zu entscheiden, wenn sie ihr Abgangszeugnis in Händen halten.

    In diesem Fall warne ich vor einer übereilten Entscheidung. Vor der Wahl des Studiums sollten reifliche Überlegungen, Recherche und Praktiker-Interviews stehen. Ein Studienwahltest reicht keinesfalls, wie mein Selbstversuch zeigt. Reichte die Zeit und Muße nur für einen kurzen Test, empfehle ich meist klar eines: Arbeiten! Dafür gibt es von FSJ über BFD, Au-Pair bis zu Freiwilligen-Dienste im Ausland zahlreiche Möglichkeiten.

    Ein Jahr später – immer noch nicht klüger?

    Und dann? Wenn nun ein Praxisjahr eingeschaltet wurde und der Junge Mensch sich immer noch zu nichts entschließen kann? Spätestens dann sollte – mit oder ohne externe Beratung – ein klares Programm zur Berufswahl aufgestellt und abgearbeitet werden. Denn reine Trödelei beschränkt die Möglichkeiten! Sie kann notwendig sein, aber reduziert die späteren Wahlmöglichkeiten. Unter Umständen verpasst man es dadurch nicht nur, zu einem 1A-Arbeitgeber zu kommen, sondern auch die 1B-Variante. Angeraten ist also ein Entscheidungsprogramm.

    Eine Sichtung der bisherigen Erfahrungen, der Schulnoten in den einzelnen Fächern, der Hobbies, der Interessen (per Test), evt. der Persönlichkeit (per Test), Praktika und Praktiker-Interviews schaffen die Grundlage und ermöglichen eine Entscheidung. Selbst wenn der eigentliche Grund ist, sich lieber für gar nichts entscheiden zu wollen. Das kommt vor: Schließlich besteht der begründete Verdacht, dass die Einschreibung im einen Fach ein Ausschluss aller anderen Fächer bedeutet. Man kann nur eine einzige Fächerkombination studieren.

    Aber man kann auch und nur ein Leben leben – durch Abwarten ändert sich das nicht.

    Ausbildung?

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    Natürlich ist eine Berufsausbildung eine Möglichkeit – trotz Abitur. Auch manches Kind zweier Akademiker könnte hier sein Glück finden.

    Spricht aber nichts FÜR eine Ausbildung, sondern bloß nichts für ein bestimmtes Studium, wird die Berufsausbildung eher als Alibi benutzt. Als ein noch längerer Puffer bis zur endgültigen Entscheidung. Die Zahl der Fälle, in der dieser weitere Puffer angebracht ist, scheint mir überschaubar. Wer jedoch ein Praxisjahr und sein Entscheidungsprogramm abgearbeitet hat, ohne mit einer Studienentscheidung weiter gekommen zu sein, könnte richtig liegen. Vielleicht haben hier die Akademiker-Eltern und das Abitur nur etwas den Blick verstellt.

    Viele Berufsausbildungen ermöglichen Zugänge zu guten Jobs (Fachkräfteengpässe sind eher hier und weniger bei den Studierten zu finden!). Ein späteres Studium oder die Meister-Ausbildung können angeschlossen werden (auch wenn nicht alle Kombinationen aus Ausbildung und Studium einen Sinn ergeben!).

    Auch wenn es heute von der allgemeinen Stimmung bei der Berufswahl her lockerer zugeht, als vor einigen Jahrzehnten. ist das Fazit klar.

    Fazit: Zeit ist endlich und kostbar

    Zeit ist endlich und kostbar. Übergangs- und Entscheidungszeiten dürfen und müssen manchmal sein. Für eine Reduzierung der beruflichen Möglichkeiten (Karriere) sorgen sie in allen Fällen, die ein Jahr übersteigen.

    Gegen eine Zeit der Praxis nach langen Schuljahren spricht nichts, aber von alleine klärt sich nichts. Ein „Entscheidungsprogramm“ sollte abgearbeitet werden, um die Findungsphase kurz zu halten.

    Lesen sie dazu die weiteren Teile dieser Serie. Die Mythen:

    1) Die Berufswahl bestimmt das Gehalt
    2) Bei der Berufswahl kann man sich Zeit lassen
    3) Ohne Zeitverlust durchstarten ist am besten
    4) Die Eltern sind gute Ratgeber
    5) Eine geniale Geschäftsidee und der Rest ist egal
    6) Erstmal Nicht-Entscheiden ist cool
    7) Geld brauche ich wenig

    Die Tipps



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    Porträt Christoph Burger

    Christoph Burger

    Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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